Mai 2026
Das aktuelle Lateinamerika Magazin ila behandelt den Schwerpunkt Nicaragua. Das Dossier ist unter Mitarbeit des Informationsbüro Nicaragua entstanden. Welche Beiträge es enthält, wie es bezogen werden oder heruntergeladen werden kann, erfahrt ihr hier
(aus dem editorial)
Auch heute noch, 80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, werden Menschen überall auf der Welt verfolgt, eingesperrt, beraubt, ermordet und ins Exil getrieben. Eine von ihnen ist Dora María Téllez, Schlüsselfigur der sandinistischen Befreiungsfront und später Gesundheitsministerin in Nicaragua. Auch sie hat die Erfahrung von Zwangsmigration und absoluter Entrechtung machen müssen: „In weniger als 24 Stunden hatten wir nach einer Vertreibung praktisch alles verloren: unsere Rente, unsere Dokumente, unser Eigentum, unsere beruflichen Existenzen. Man steht plötzlich am Nullpunkt. Emotional fühle ich mich weiterhin als Nicaraguanerin, aber ohne gültige Papiere ist man weltweit handlungsunfähig.“
Im Jahr 1979 schaffte es die Sandinistische Nationale Befreiungsbewegung (FSLN) in ihrem bewaffneten Kampf und einem breiten Volksaufstand, die Somoza-Diktatur nach 43 Jahren zu stürzen und gelangte anschließend selbst an die Macht. Die Option eines dritten Weges neben dem Kapitalismus und dem damaligen „realen Sozialismus“ sowjetischer Prägung tat sich auf, was eine ganze Generation inspirierte. Die errungene Revolution, die von breiten Teilen der Bevölkerung unterstützt wurde, schien Träume wahr zu machen und bewegte Tausende dazu, aktiv zu werden. Viele reisten im Rahmen von Arbeitsbrigaden nach Nicaragua:
Das war gelebte, ganz praktische Solidarität mit dem revolutionären Projekt und dem Wiederaufbau des von der Diktatur und dem darauffolgenden Krieg der von den USA unterstützten „Contra“ zerstörten Landes. So entwickelte sich eine der größten Solidaritätsbewegungen der Welt, mit Basispartnerschaften auch in der Bundesrepublik.
Heute ist von den revolutionären Errungenschaften kaum noch etwas übrig. Der als Befreiung begonnene Prozess hat nach vier Jahrzehnten der Umbrüche eine neue brutale Familiendiktatur unter Daniel Ortega, dem ehemals glorifizierten Revolutionsführer der Frente Sandinista, und seiner Ehefrau Rosario Murillo an die Macht gebracht, die die gleichen Repressionsmittel anwendet, wie man sie auch in anderen autoritären Staaten, der „neuen Diktaturen“ von Belarus, Myanmar, Iran oder auch in El Salvador, beobachten kann.
Wie konnte es dazu kommen, dass diese Revolution, die einst als eine so große Inspiration für eine humane und demokratische sozialistische Gesellschaft galt, in einem solchen politischen und humanitären Desaster endete? Welche Konsequenzen müssen gezogen werden, um zu verhindern, dass sich so eine fatale Entwicklung wiederholt? Wie müsste man internationale Solidarität in einer globalisierten Welt, die sich in einem Prozess der Neuordnung der Weltmächte USA, China und Russland befindet, neu denken? Wie kann man die Kämpfe der verschiedenen Völker um Selbstbestimmung vor dem Hintergrund des Rechtsrucks in vielen Ländern sowie in Verbindung mit weltweiten Überlebensfragen wie Klimawandel, Krieg und Rassismus ausrichten?
Für all diese Fragen gibt es kein Patentrezept. Doch dass soziale und politische Veränderungsprozesse nur dann zu nachhaltigen gesellschaftlichen Fortschritten und einer gerechteren Welt führen können, wenn sie untrennbar mit demokratischer Kontrolle und Mitbestimmung aller trotz der bestehenden Differenzen, die es dabei gibt, verbunden sind, ist nicht verhandelbar.