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Gonzalo Carrión: „Ich habe mein halbes Leben damit verbracht, die Menschenrechte zu verteidigen, und ich bereue es nicht“

Übersetzter Artikel von La Prensa vom 17. Juli.

Carrión hat sich durch seine Begleitung von vertriebenen und exilierten Nicaraguanern einen Namen gemacht.

Seit seiner Jugend engagiert sich Gonzalo Carrión für soziale Fragen, daher wusste er, dass er sein Leben der Verteidigung der Menschenrechte widmen wollte.

Sein erstes soziales Engagement fand im Alter von 18 Jahren statt. Die Sandinistische Front hatte gerade den Sieg errungen, und Carrión zögerte nicht, sich dem Nationalen Alphabetisierungskreuzzug anzuschließen. Diese Erfahrung prägte sein Leben, denn er tat dies mit totaler, selbstloser Hingabe und mit dem einzigen Ziel, den Menschen zu helfen, lesen und schreiben zu lernen.

Doch 30 Jahre später zwang ihn die Regierung, der er damals beigetreten war, um den sozialen Ansatz zu unterstützen, ins Exil und entzog ihm vier Jahre später die Staatsbürgerschaft. Gegenüber LA PRENSA erklärte Carrión, dass er es nicht bereue, die Hälfte seines Lebens der Verteidigung der Menschenrechte der Nicaraguaner gewidmet zu haben und dies auch weiterhin tun werde.

Guillermo Gonzalo Carrión Maradiaga, besser bekannt als Gonzalo Carrión, ist Rechtsanwalt und hat einen Abschluss in Rechtswissenschaften von der Universidad Centroamericana (UCA), ist 62 Jahre alt, und die Hälfte dieser Zeit hat er der Verteidigung der Menschenrechte der nicaraguanischen Bevölkerung gewidmet.

Vier Jahre im Exil

Nachdem die orteguistische Polizei sechs Monate lang zu dem Fall der im Carlos-Marx-Viertel verbrannten Familie geschwiegen hatte, beschuldigte sie im Dezember 2018 die Bewegung 19. April für dieses Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Außerdem wurden die Verdächtigungen zudem gegen Carrión, den juristischen Leiter von CENIDH sowie der Leiterin dieser Organisation, der Menschenrechtsverteidigerin Vilma Nuñez, ausgeweitet.

„Unmittelbar nach dem schrecklichen Verbrechen gaben Gonzalo Carrión und andere Mitglieder von CENIDH gegenüber den Medien falsche und haltlose Erklärungen ab, in denen sie den Staat Nicaragua und die Nationalpolizei beschuldigten, um die wahren Verbrecher zu decken“, erklärte Generalkommissar Luis Alberto Pérez Olivas, Leiter der Direktion für Rechtshilfe (DAJ), auf einer Pressekonferenz.

Carrión konnte nicht glauben, dass er mit diesem grausamen Verbrechen in Verbindung gebracht wurde, dies, nachdem eine Woche zuvor der Organisation CENIDH, seinem Arbeitsplatz, der Rechtsstatus entzogen worden war. Nach dieser Nachricht wusste er, dass er nicht mehr in das Haus zurückkehren konnte, das er zusammen mit seiner Frau mit so viel Mühe gekauft hatte. Er wurde zehn Tage lang in Nicaragua versteckt, bevor er nach Costa Rica ausreiste, wo er heute noch lebt.

Carrión sagte jedoch, dass die Verteidigung der Menschenrechte ihn als Person gebildet und seinen Hummanismus bekräftigt habe. Er hat seinen Beruf mit großer Ehre und Sorgfalt ausgeübt und sich immer auf die Seite der Menschen gestellt, denn darum handele es sich, wenn man Menschenrechtsverteidiger sei.

Als er seine Arbeit als Menschenrechtsverteidiger begann, war er sich eines “solchen“ Engagements und der damit verbundenen Opfer nicht bewusst.

Ausgebürgerter Anwalt

Am 15. Februar erklärte das sandinistische Regime 94 Nicaraguaner zu “Verrätern am Vaterland“. Dies bedeutete, dass der Sandinismus dieser Gruppe die Staatsangehörigkeit entzog und ihr Vermögen beschlagnahmte. Auf der Liste der ausgebürgerten Personen standen Journalisten, Aktivisten, Priester, Menschenrechtsverteidiger und Oppositionsführer.

„Ich engagiere mich für Menschen, die unterdrückt werden. Ich werde für mein Engagement an der Seite der Unterdrückten bestraft. Das erfüllt uns mit Stolz, auch wenn sie uns alles wegnehmen, auch wenn sie sagen, wir seien keine Nicaraguaner, und versuchen, uns aus den Akten und dem kollektiven Gedächtnis zu löschen. Dreißig Jahre später, ohne diese Staatsangehörigkeit, bekräftige ich meine Würde, meinen Stolz, meine Empörung und vor allem meine Verpflichtung, den Menschen weiterhin zu dienen“, erklärte Carrión.

Darüber hinaus wurde Gonzalo Carrión auf Anordnung des Obersten Gerichtshofs (CSJ) sein juristischer Titel “endgültig“ aberkannt. Der Menschenrechtsverteidiger erklärte, er betrachte dies als temporären Verlust, denn „es bestärkt mich in meiner Würde und meinem Stolz, dass ich viel verloren habe, aber nicht mein Gewissen und meine Würde“.

„Sie wissen, dass wir uns schon seit langem einsetzen. Als sie (die Frente Sandinista) protestierten, haben sie keine Blumen und Liebesbekundungen verteilt, wie sie uns glauben machen wollen. Als sie protestierten, legten sie das Land lahm und konfrontierten die gleiche Polizei, die jetzt mit ihnen den Henker gegen das Volk spielt“, erinnerte er.

Carrión erinnerte daran, dass er während seiner Arbeit als Menschenrechtsverteidiger auch Sandinisten begleitet hat. „Ich habe sie in ihren eigenen Zellen besucht, sogar in den Zellen von Chipote. Sie öffneten uns ihre Türen, um sie zu besuchen, als sie protestierten, und aufgrund dieser ganzen Geschichte wissen sie, dass wir immer auf der Seite der Unterdrückten standen“.

Gründer des Kollektivs Nunca +

Carrión verließ Nicaragua wenige Tage vor dem Ende des tragischen und turbulenten Jahres 2018, das für die nicaraguanische Bevölkerung ein Vorher und Nachher bedeutete. Wie dieser Anwalt mussten auch sechs andere Menschenrechtsverteidiger, die bei CENIDH gearbeitet hatten, das Land verlassen.

An jenem ersten 31. Dezember im Exil beschlossen sie, sich zu treffen, um sich gegenseitig in diesem schmerzlichen Moment zu begleiten. Sie wussten jedoch nicht, dass sie damit eine neue Menschenrechtsorganisation ins Leben rufen würden, und so wurde in weniger als 15 Tagen mit der Solidarität von Menschen, die sich mit der Vertreibung der Aktivisten identifizierten, das Menschenrechtskollektiv Nicaragua Nunca + gegründet.

„In diesem Moment, in dem sich der Kompass ändert, war dieser Klaps der Ermutigung, diese Umarmung der Solidarität von Freunden in Costa Rica, die wussten, was in Nicaragua geschah, entscheidend“, erinnert er sich.

Der Name Nicaragua Nunca + ist eine Inspiration von verschiedenen Pueblos, die Opfer von Völkermord und blutigen Diktatoren waren. Dieses „Nunca +“ wurde von anderen Kollektiven im Cono Sur und in der mittelamerikanischen Region verwendet, weshalb Carrión erklärte, dass sie es in der Praxis von diesen Verteidigern übernommen haben, weiterhin mit “ihren Augen und ihrem Herzen“ für Nicaragua zu kämpfen, damit die Wahrheit bekannt wird und die Gerechtigkeit Einzug hält.

„Das bin ich meinen Eltern schuldig“

Für Carrión war es der elterliche Einfluss, der in ihm den „kleinen Samen“ gepflanzt hat, der ihn zu einem Menschenrechtsverteidiger werden ließ. „Ich bin, was ich bin, weil ich seit meiner Kindheit geschuftet habe. Wir kommen aus wirtschaftlicher Armut, aber sehr reich an Würde und Ehrlichkeit“, sagte er.

Der Besitz, der vom nicaraguanischen Staat beschlagnahmt werden sollte, war das Ergebnis vieler Bemühungen von ihm und seiner Frau. Es wurde vor mehr als 20 Jahren erworben, und er erinnert sich an Momente, die er in diesem Haus erlebt hat und die ihn immer begleiten werden, wie zum Beispiel das Aufwachsen seiner Töchter.

„Meine Töchter wissen, dass sie ein Haus stehlen, das uns nicht geschenkt wurde. Das Haus hat uns so viel Kraft gekostet, dass ich, wenn du mich jetzt, mit 62 Jahren, fragst, nicht das Geld habe, die Kosten erneut aufzubringen. Das ist die Würde, die sich aus einem Leben voller Engagement und Opfer ergibt“, sagte er.

Gonzalo Carrión erzählte LA PRENSA, dass lange vor der sozio-politischen Krise, die Nicaragua seit 2018 erlebt, die sandinistische Führung seine Loyalität “kaufen“ wollte. Er habe sich, getreu seiner Verpflichtung, nicht der Macht gebeugt, und das sei die Strafe dafür, dass er sich nicht in ihre Reihen eingegliedert habe.

Artikel: https://www.laprensani.com/2023/07/17/derecho-humano-ni/3176158-gonzalo-carrion-llevo-la-mitad-de-mi-vida-defendiendo-derechos-humanos-y-no-me-arrepiento