Aus: Mittemang – Die Linke – Bezirksverband Hamburg – Mitte Januar 2026
Vor, innerhalb und noch nach den 80er-Jahren war die westdeutsche Linke maßgeblich der Ort der aktiven Solidarität mit Nicaragua: beim Widerstand gegen die Somoza-Diktatur, beim Aufbau des Landes nach der Revolution vom 19.Juli
1979 und nach der Abwahl des FSLN durch das Volk im Jahre 1990. Aus der DDR trugen zur nichtstaatlichen Solidarität vor allem die evangelische Kirche und die NRO INKOTA bei. Städtepartnerschaften in den 90ern, dann weiter bis in die späten 10er-Jahre, viele fortlebende Projekte der nichtstaatlichen und staatlichen Zusammenarbeit prägten die Zeit bis 2007 und auch bis 2018. 2007 gewann mit ca. 38% der Stimmen Ortega die Wahlen, vor allem dank gelungener Erpressung des vorherigen korrupten Präsidenten Arnoldo Alemán und seinem PLC, und zwar durch Erzwingung von Änderungen des Wahlgesetzes; die folgenden Wahlen auf kommunalen, regionalen und nationalen Niveaus waren und
sind samt und sonders enorm gefälscht. 2013 begannen Teile der Bauernschaft sich zu formieren gegen den sogenannten „China-Kanal“; dann, 2018, begannen zudem die Studierenden zu protestieren gegen Regenwald-zerstörung und gegen die miserable Behandlung der Alten durch Regierung und Partei – unter der Parole „Vamos
con todo“ schlugen Ortega und Murillo „con todo“ (mit Allem) zu, Polizei, Paramilitärs und Armee ermordeten überall Protestierende, sie Unterstützende und Unbeteiligte.
Am Muttertag 2018 zeigte das Volk dann dem Regime die rote Karte: im ganzen Land marschierten friedlich und un-bewaffnet nach Schätzungen eine Million Menschen (bei 6 Mio Einwohnerschaft) gegen Ortega – abermals eantwortet
mit Schusswaffen, Festnahmen und zudem Blockierung der Krankenhäuser für Verletzte.
Seitdem wurden Unterdrückung, Manipulation, Korruption, Grausamkeiten gegen Oppositionelle und ihre Familien immer heftiger. Einreisen vermuteter Oppositioneller und von Journalisten nach Nicaragua wurden verhindert, Staatsangehörigkeiten aberkannt, Oppositionelle aus öffentlichen Registern getilgt, Schließung privater Universitäten,
Gleichschaltung der staatlichen wurden die Norm, Tausende NRO verloren ihre juristische Person, die Gewaltenteilung wurde aufgehoben, politische Prozesse ohne Zeugen und Beweise führten zu hohen Haftstrafen, die Menschenrechte allesamt werden nicht mehr berücksichtigt.
Oft verabschiedet das nationale Parlament – eingesetzt, bestückt und kontrolliert vom Regime – nachträglich Gesetze zur Rechtfertigung der kriminellen Dekrete der Familiendynastie Ortega-Murillo, die sich selbst als „christlich, sozialistisch, solidarisch“ preist – dies ist unter anderem ein großer Rufschaden für die Linke in Lateinamerika und darüber hinaus. Alliiert ist das Regime mit Russland, VR China, Iran, Cuba, Venezuela, Nordkorea, Afghanistan … und Südossetien.

Podiumsgespräch mit Ex-Comandante Dora María Téllez und Ana Margarita Vijil, Expräsidentin del MRS, Movimiento Renovador Sandinista
Viele Zigtausende verließen das Land. Das Regime hat in den letzten Jahren und Monaten begonnen (wie Pinochet es vormachte), Oppositionelle im Ausland umzubringen, von lokalen Bauernführern bis zu Ex-Sandinisten, wie 2025
den Ex-Major Roberto Samcam in Costa Rica. Innerhalb des Unterdrückungsapparates führt das Herrscherpaar seit einigen Monaten „Säuberungen“ durch, wobei es viele alte Verbündete und Kampfgefährten Ortegas traf; auch Ortegas Bruder Humberto, Verteidigungsminister in den 80ern, wurde zum Opfer: er starb wie auch andere im Gefängnis. Gegenwärtig wird als neuer Führer des Familienregimes der Opernsänger Laureano Ortega Murillo aufgebaut, ein Sohn unter Murillos insgesamt 11 Nachkommen.
Nicaraguasolidarität seit 2018 erheblich „wiederbelebt“.
Wie früher sind es vor allem Linke, die ihr angehören und die sich einbringen. Am 14./15.11.2025 fand an der Universität Köln das jährliche Vernetzungstreffen der deutschen Nicaraguagruppen statt. In Kooperation zwischen
dem „Infobüro Nicaragua“ in Wuppertal, dem Städtepartnerschaftsverein Köln-Corinto und dem „Zentrum Lateinamerika“ der Uni Köln trafen sich mehr als 100 Menschen. Das Zusammentreffen von jungen Studierenden und Forschenden, alten und neuen Nicaragua-Aktivisten und -Aktivistinnen und vielen Nicaraguanern und Nicaraguanerinnen im Exil machte die Diskussionen besonders fruchtbar und zeigte eine Vielfalt von Perspektiven auf. Gleichzeitig wurde der 100. Geburtstag Ernesto Cardenals begangen, ebenfalls dissidenter Revolutionär und Opfer der Diktatur, Ex-Minister, Poet, Priester.
Drei Doktorantinnen berichteten über ihre Forschung zum Verhältnis der deutschen Friedensbewegung und Zentralamerikasolidaritätsbewegung in den 80er Jahren, über Mechanismen der Mobilisierung Jugendlicher und über das Entstehen der autonomen Frauenbewegung in Nicaragua.
Dr. Ernesto Medina (ehemaliger Rektor verschiedener nicaraguanischer Universitäten) sprach über die Rolle der Unis und der Studierendenproteste im Kampf für die Demokratie seit den 60er Jahren bis heute.
Den Abschluss bildete ein Gespräch mit Dora María Téllez (ehemalige Guerillakommandantin und Historikerin) und Ana Margarita Vigil (Anwältin und ehemalige Präsidentin des MRS – Movimiento Renovador Sandinista, heute: UNAMOS).
Beide waren anderthalb Jahre lang politische Gefangene Ortegas und seiner Ehefrau; Dora María Téllez war den größeren Teil dieser Haft der Isolationsfolter ausgesetzt: mit niemand sprechen, nichts lesen, nichts schreiben, zeitweise in Dunkelhaft. Sie und Ana Margarita analysierten den Verlust von Freiheit, Demokratie und aller Menschenrechte
durch das Regime, die wirtschaftliche Krise und die Möglichkeiten eines neuen gesellschaftlichen Aufbruchs.
Mehr als 70 Vertreterinnen und Vertreter aktiver Soli-Gruppen aus 13 Städten Deutschlands (und einer Gruppe aus den Niederlanden) tauschten sich über die Möglichkeiten der Einflussnahme der europäischen Zivilgesellschaft aus. Die Begegnung mit vielen langjährigen Bekannten und Freunden, die Gespräche mit vor allem jungen „Nicas“ im Exil motivierten für das zukünftige Engagement.
Das nächste Treffen der Nicaragua-Solidarität ist für Oktober 2026 in Hamburg geplant. Hamburg ist zudem vom BAMF bestimmte Erstanlaufstadt für nicaraguanische Asylbewerber und -bewerberinnen.
(B. Alvarado Müller)