Am 17.7.26 verstarb Hans Röder, der in den 80er Jahren den Verlag des Informationsbüros Nicaragua,
die „Edition Nahua“ aufgebaut hatte.
Hans wurde 1941 geboren und wuchs in Wesel am Niederrhein auf. Er machte eine Ausbildung als Verlagskaufmann und ging dann sehr schnell als „Entwicklungshelfer“ ins Ausland.
Zum Infobüro kam Hans 1983 über einen Rückkehrervertrag mit Dienst in Übersee (DÜ), da wir einen Experten für den Aufbau eines eigenen Verlags suchten. Hans entwickelte mit uns ein Verlagskonzept und verschiedene Buchreihen u.a. die Nahua Scripte, die wir bis heute fortführen.



Nach seiner Arbeit bei uns bot er Lesungen von Literatur aus der „Dritten Welt“ an, u.a. mit dem Wuppertaler Künstler Rudi Rhode. Ich selbst fuhr mit ihm 1988 in die ehemalige DDR zu einer Lesereise, die Christoph Links (später Linksverlag) zusammen mit Helmut Lotz (Edition Día) vorbereitet hatten. Hans las abends aus dem Buch „Poesia Negra“ Gedichte v.a. aus Brasilien und tagsüber trafen wir uns etwas „undercover“ mit Vertreter*innen der unabhängigen Nicaragua-Solidaritätsgruppen.
1989 ging Hans nach Panama, um dort bei CEASPA (Centro de Estudios y Acción Social Panameño) zu arbeiten, einer NGO, die 1977 von dem bekannten Jesuiten Xavier Gorostiaga zusammen mit dem Soziologen Raúl Leis aufgebaut worden war. CEASPA gab eine Zeitschrift heraus, widmete sich der Forschung und besonders der Bildung und Weiterbildung von unten (Educación popular). Als die USA am 20.12.1989 mit 25.000 Soldaten in Panama einmarschierten, um den Diktator Noriega zu stürzen (ironischerweise ein ehemaliger CIA Agent) und ihre Interessen am Panamakanal zu sichern, wurde Hans nach Deutschland zurückgeholt und berichtete in Veranstaltungen über die Invasion, die vor allem im Stadtteil El Chorillo in Panamacity über 500 Zivilisten das Leben gekostet hatte.
Nachdem Noriega sich ergeben hatte und in die USA ausgeflogen worden war, kehrte Hans zurück, kam aber 1990 noch einmal mit Raúl Leis nach Deutschland, um über die Lage in Panama zu berichten.
Für eine Delegation des Infobüros organisierte er 1991 in Panama verschiedene Termine mit Forschern des CEASPA, Betroffenen der Invasion und Projekten auf dem Land.
Nach seiner Pensionierung lebte Hans weiter in Panama bis er aus gesundheitlichen Gründen 2022 nach Wuppertal zurückkehren musste, wo er im Juli 2026 verstarb und Anfang September beerdigt wurde.
Uwe Peter, auch langjähriger Mitarbeiter des Infobüros, sprach vor der Beerdigung lange mit Pfarrer Jonathan Hong aus dessen Traueransprache ich nun zitieren möchte:
Traueransprache von Jonathan Hong anlässlich des Todes von Hans Jürgen Röder.
Beerdigt am 4.9.2026 in Wuppertal
Hans Röder, er hatte ein bewegtes Leben. Im Vorgespräch hast du, Uwe, gesagt, es ist jetzt etwas wie das Leben puzzlen. Es sind viele und auch unterschiedliche Eindrücke, die ein jeder von ihnen und auch von denjenigen, die heute nicht hier sein können, verbinden mit Hans Röder.
Auf Nachfrage über Charaktereigenschaften von Hans Röder reichten die Antworten von liebevoll, gewinnend über arrogant, exzentrisch, gockelhaft, bis hin zu formalistisch-präzise, originell und faszinierend.
Er entschied über Nähe und Distanz – hat jemand gesagt. Und ein warmes herzliches Lachen hatte er.
Bestimmt entdecken Sie Hans Röder auch in einigen dieser Worte wieder und haben ihn vor Augen.
Ein Mensch, der viel rumgekommen ist. Ehrgeizig. Sehr aktiv in der Entwicklungshilfe. Mit einem rational-intellektuellen Zugang zur Wirklichkeit. Aber auch zum Teil widersprüchlich in seiner Person erscheinend.
Geboren in Husum, ist er Verlagskaufmann geworden. Sein Weg hat ihn dann Ende der 60er zunächst nach Nepal und Zimbabwe geführt, später folgten als Lebensstationen eine längere wilde Zeit in Köln mit coming out, eine Zeit in New York, und schließlich, ab seinem 65 Lebensjahr 20 Jahre in Panama. (…)
Er war vielseitig tätig, in einem Institut für Volksbildung, später bei UNICEF, hat auch für eine bekannte Künstlerin in Panama ein Buch ediert und war vor Ort gut vernetzt.
Uwe, du hast ihn damals 1993 dort besucht. Es war ein toller Freundeskreis, zu dem du dort Anschluss fandst. Und Hans war jemand, der dazugehörte, aber auch nicht dazugehörte.
Seine Beziehungen waren oft ambivalent, zeitweise sehr intensiv, aber meistens dann auch mit heftigen Brüchen, in der eigenen Familie, aber eigentlich auch in den meisten anderen Beziehungen.
Er war vom alten Schlag, hatte paternalistische Züge und wurde auch sehr ausfallend, sodass manche Freunde und Bekannte vor allem auch am Ende fragten: Warum kümmerst du dich um Hans? Da waren viele, die über den eigenen Schatten springen mussten, und trotzdem war es schwierig mit Hans.
Und doch, als dann 2020 der Kontakt komplett abbrach. Man ihn nicht mehr von Deutschland in Panama erreichen konnte. Da haben sie Nachforschungen angestellt. Haben erfahren, dass er schwer abgemagert und hilfsbedürftig war.
Der Freundeskreis in Panama ist dann dagewesen für ihn, hat ihn nochmal aufgepeppelt. Und bei den Freunden in Deutschland wurden sogar 10.000 Euro zusammengebracht, um ihn rüberzubekommen. Über ein Jahr ist er bei zwei Freunden untergekommen und versorgt worden. Er litt schon an Demenz und ist schließlich in eine Demenz WG gezogen und hat immer mehr abgebaut. (…)
Und so ist er dann am 17. Juli im Alter von 85 Jahre verstorben.
Erinnerungen bleiben an eine vielschichtige Persönlichkeit, eine prägende Person, ein Freund, Patenonkel, Verwandter.
„Gott sagt: Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen“ (Jes 54,10) (…) Ihm Vertrauen wir heute Hans Jürgen Röder an.“
Text von Barbara Lucas