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Dora María Téllez – Interview am 18.12.2026 von Erika Harzer für NPLA

Nicaragua: Dora María Téllez über Nicaragua, Autoritarismus und Hoffnung im Exil – NPLA 18.12.2026

(Berlin, 19.12.2025, npla).- Dora María Téllez war eine der bekanntesten Figuren der nicaraguanischen Revolution. 1978, mit nur 22 Jahren, beteiligte sie sich an der Besetzung des Nationalpalasts, ein Jahr später stürzte die sandinistische Bewegung die Somoza-Diktatur. Heute lebt Téllez im Exil in Spanien – verfolgt, inhaftiert, ausgebürgert vom Regime Daniel Ortegas, mit dem sie einst gemeinsam kämpfte.

Dass das Ortega-Murillo-Regime vor dem Scheitern steht, daran hat sie wenig Zweifel. Seit den Massenprotesten von 2018, sagt sie, könne sich die Diktatur nur noch durch permanente Repression an der Macht halten. Eine gesellschaftliche Normalisierung sei Ortega nie gelungen. „Repression ist ein Zeichen von Schwäche“, so Téllez im Interview. Hinzu komme die sichtbare persönliche Erosion des Präsidenten: gesundheitlich, politisch und institutionell. Die Macht liege zunehmend bei seiner Frau Rosario Murillo und den gemeinsamen Kindern – ein Umstand, der selbst innerhalb des Ortega-Lagers umstritten sei. Parallel wachse der internationale Druck durch UN-Berichte, wirtschaftliche Sanktionen und den Wegfall zentraler Unterstützer wie Venezuela.

Warum das Ortega-Murillo-Regime an seine Grenzen stößt

Für die Zeit nach einem möglichen Zusammenbruch des Regimes warnt Téllez vor falschen Erwartungen. Den demokratischen Übergang dürfe man weder als Wunder noch als militärische Intervention erwarten. Er müsse ausgehandelt werden. Eine vollständig geeinte Opposition hält sie für unrealistisch – Vielfalt sei auch kein Hindernis, sondern eine Stärke. Entscheidend sei, sich auf gemeinsame Kernziele zu verständigen: Demokratie, freie Wahlen, Armutsbekämpfung, Rückkehr der Verbannten. Veränderung erreiche man nicht durch große Einheitsreden, sondern durch konkretes gemeinsames Handeln.

Besonders kritisch blickt Téllez auf den autoritären Wandel Daniel Ortegas. Er sei nie ein Demokrat gewesen, sagt sie, sondern schon früh autoritär geprägt. Solange es innerparteiliche Grenzen gab, sei seine Macht begrenzt gewesen. Als diese verschwanden, habe er jede Einschränkung bekämpft. Heute sei Nicaragua keine bloße Diktatur mehr, sondern eine Tyrannei. Der Sandinismus als politische Bewegung existiere faktisch nicht mehr – an seine Stelle sei eine Familienherrschaft getreten, die zentrale Staatsbereiche kontrolliere.

Im globalen Kontext ordnet Téllez Ortega in eine neue Generation autoritärer Populisten ein. Anders als früher kämen diese Regime nicht durch Militärputsche sondern durch Wahlen an die Macht. Sie nutzten Angst, Unsicherheit und soziale Krisen aus und spielten gezielt Arme gegen Arme aus, etwa durch antimuslimische oder antimigrantische Narrative. Diese Systeme hätten jedoch keine Antworten auf die realen Probleme, sondern verschärften sie.

Wie demokratischer Wandel in Nicaragua entstehen kann

Persönlich geprägt ist Téllez’ Blick auf Hoffnung und Widerstand durch ihre Zeit im Gefängnis. Nach ihrer Verhaftung 2021 verbrachte sie über anderthalb Jahre in Isolationshaft. Sie habe immer daran geglaubt, das Gefängnis zu verlassen, sagt sie, denn in Nicaragua seien politische Gefangene Geiseln. Und die würden freigelassen, wenn das Regime verhandeln müsse. Entscheidend sei aber die Gewissheit gewesen, nicht vergessen zu sein. Solidarität, so Téllez, öffne Gefängnistüren.

Die Freilassung 2023 sei keine Urteilsaufhebung, sie seien nach wie vor verurteilt.  Mit über 220 anderen Gefangenen wurde sie außer Landes gebracht, ausgebürgert und enteignet. Exil sei Verlust und Schmerz, sagt sie, eine tiefe Wunde. Exil bezeichnet Téllez als Krankheit – aber auch als Raum für Widerstand. Lernen, arbeiten, Freude bewahren: All das seien politische Akte. „Freude ist Widerstand“, sagt sie. Auch sie habe mit knapp 70 Jahren neu begonnen. Heute lebt sie in Spanien, schreibt an ihren Memoiren und versucht, jenseits einfacher Erzählungen die Grautöne der Geschichte sichtbar zu machen.

Und sie ist sich sicher: Autoritäre Systeme enden immer – an ihren eigenen Widersprüchen.

Ihr könnt das Interview mit Dora María Téllez auch bei onda hören.

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